Marotten, kleiner Drink, Einzelzellen: Die Arbeitsweise in der Werbung

Die individuelle Arbeitsweise in der Werbung

Für die individuelle Arbeitsweise in der Werbung gibt es allerdings leider überhaupt keine festen Regeln. Das betrifft also gerade den eigentlichen Kernbereich des Textens, die Ideenfindung und Formulierung.  Es gibt da etwa genau soviele persönliche Marotten, wie es Texter gibt.

Sie haben sicher schon einmal davon gehört, daß Friedrich Schiller angeblich nur schreiben konnte, wenn er ein paar faule Äpfel in seinem Schreibtisch liegen hatte, weil ihn deren Geruch inspiriert haben soll. Von Ernest Hemingway sagt man, daß er vorzugsweise an einem Stehpult geschrieben haben soll, um zu einem möglichst kurzen und prägnanten Stil zu kommen. Erich Kästner hat fast ausschließlich in Cafés geschrieben und um 1925 übrigens auch Werbebriefe verfaßt, die wiederum in seinem Roman »Fabian« auftauchen.  Und David Ogilvy, um schließlich auch noch einen Vollblutwerbetexter zu erwähnen, hat einmal behauptet, daß er niemals auch nur eine einzige Zeile Text in seinem Büro geschrieben habe, sondern nur zu Hause. Er hat außerdem zugegeben, daß ihm dabei ein kleiner Drink meist nicht unwillkommen war.

Marotten oder Smartphone?

Nun kann man solche Marotten natürlich belächeln, aber da steckt auch ein kleiner, meist unbewußt angewandter psychologischer Trick dahinter: Dadurch, daß man immer bestimmte, immer dieselben Rahmenbedingungen für die Arbeit schafft, wird man auch bis zu einem gewissen Grad auf diese Tätigkeit eingestimmt.

Außerdem spielt dabei natürlich auch das Ausschalten von Ablenkungsmöglichkeiten eine erhebliche Rolle – die Möglichkeit, herauszukommen aus dem meist hektischen Rahmenbedingungen des Tagesgeschäfts. Neben einem dauernd klingenden Telefon, Handy oder gar Smartphone wird kaum jemand einen vernünftigen Text schreiben können. Das kann auch Karen Heumann bestätigen: »Kein Handy-Empfang – also Ruhe«.

Auch in einem Großraumbüro wird man selten die nötige Konzentration dafür aufbringen können. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, daß Texter in Agenturen meist in ›Einzelzellen‹ gehalten werden oder in anderen Formen der Klausur. Man sollte also den individuellen Vorlieben jedes einzelnen Texters durchaus nachgeben, soweit es die Arbeitsbedingungen irgendwie zulassen. [...]

Mad Men hat also doch recht: kleine Drinks erhöhen das Denkvermögen! Mehr davon im Buch »Rüstzeug – Über Werbung, Text und Kreativität« von Heiner Wehn, siehe www.edition-infopress.de.

[Zweiter Band, Fortsetzung]

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